MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein

Trust the Process

26.01.2026 | Erster Nordic NEST Space an der Ostsee

Drei junge Menschen stehen uns sitzenum einen Tisch und schreiben oder lesen konzentriert.
Intensives Arbeiten im Nordic NEST Space

Alte Routinen aufbrechen, um gute Geschichten noch besser zu machen: Im Januar kamen zehn Autor*innen aus Deutschland, Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden in Schleswig-Holstein für den ersten Nordic NEST Space zusammen. Fünf intensive Arbeitstage, an denen die Geschichten und Charaktere der Teilnehmenden im Fokus standen. Wir haben für euch hinter die Kulissen geschaut.

„Manchmal ist es einfach gut, gemeinsam an einem Ort festzusitzen“, sagt Joakim Granberg und lacht. Der Drehbuchautor ist aus Stockholm angereist, um in dem kleinen Ort Pommersby im äußersten Norden Schleswig-Holsteins gemeinsam mit neun anderen Autor*innen an seiner neuen Filmidee zu arbeiten. Auf einem kleinen Landgut nur fünf Gehminuten von der Ostsee entfernt. Ohne Auto kommt man hier nicht einmal zum nächsten Kiosk. Doch genau das war auch der Plan: „Wir wurden alle mit einem Bus in Hamburg abgeholt – und als wir dann hier in der Natur angekommen sind, sind meine Schultern sofort runtergegangen. Ich liebe diesen Ort“, sagt der Hamburger Autor Toby Chlosta. Instant Entspannung ohne Ablenkung. Perfekte Voraussetzungen also für das, was als nächstes kommen sollte.

Mehrere Männer und Frauen sitzen um einen großen Tisch und hören jemandem zu,
Gruppensession mit unter anderem Joakim Granberg (2.v.l.) und Sarah M. Kempen (2.v.r)

Eines der wichtigsten Mantras der Arbeitswoche: Trust the Process. Loslassen, Neues versuchen, sich inspirieren lassen. „Wir versuchen hier auf spielerische Weise Routinen aufzubrechen und den Teilnehmenden neue Strategien für die Drehbucharbeit an die Hand zu geben. Logisches Denken bringt einen nicht immer weiter“, sagt Simão Cayatte. Gemeinsam mit Gabrielle Brady bildete er das Tutor*innen-Team für die fünf Tage in Pommersby. Beide sind erfahrene Autor*innen und Regisseur*innen, die wissen, worauf es ankommt. Und beide Arbeiten als Tutor*innen für Le Groupe Ouest, eine der innovativsten europäischen Initiativen für Drehbuchentwicklung mit Sitz in Frankreich. Doch wie genau schafft man es, seine liebgewonnenen Routinen aufzubrechen und frischen Wind reinzulassen?

Eines der besten Werkzeuge sei laut Simão Cayatte „Orality“. Also Dinge nicht aufzuschreiben, sondern darüber zu reden – am besten mit knappen Zeitvorgaben. „Es kann viel mehr bringen, eine Geschichte jemand anderem zu erzählen. Dein Geist nimmt Umwege und Abkürzungen, wenn du sprichst, gerade wenn zwischendurch kurze Pausen entstehen oder du nur wenig Zeit hast“, sagt Cayatte. Und das, was am Ende herauskommt, könne einen dem Kern der Geschichte oder Charaktere deutlich näherbringen.

Für Autor Toby Chlosta, der mit der Comedy-Projektidee „Hold your Horses“ um eine turbulente Mutter-Sohn-Beziehung angereist ist, war die Eisberg-Übung ein echter Gamechanger. Dabei gehe es darum, einem seiner Charaktere in sechs Stufen immer näher zu kommen. Was würde zum Beispiel der Bäcker um die Ecke über die Figur sagen? Und die Geliebte? Wie würde die Figur sich selbst beschreiben – und was über sich  verschweigen? Der Eisberg schmilzt Stück für Stück und legt den Kern frei. Für die finnische Autorin Eva-Maria Koskinen gab es bei der Foto-Übung ein Aha-Erlebnis: „Alle Teilnehmer*innen mussten draußen mit einer Polaroid-Kamera Fotos machen. Im Anschluss haben wir unsere Fotos auf einen Tisch gelegt und jede*r musste sich zwei Fotos aussuchen, die er oder sie selbst nicht gemacht hat. Daraus haben wir dann zwei Erinnerungen unserer Hauptfigur improvisiert. Es war wirklich spannend, was dabei herausgekommen ist, sagt die Autorin, deren Serienidee „Deeper“ ein Thriller über die Sabotage der Nord Stream-Pipeline ist.

Die meisten Tage im Nordic NEST Space sind ein Mix aus Gruppensessions und Übungen, bei denen in kleinen 2er Teams gearbeitet wird. Zwischendurch gibt es immer wieder Auflockerungsübungen, Atemtechniken – und natürlich leckere Snacks und Mahlzeiten. Wie fühlt sich der Kopf nach einem langen und intensiven Arbeitstag im NEST an? „Für mich ist es eine gute und angenehme Art von Müdigkeit“, sagt Eva-Maria Koskinen. „Mein Hirn hat sich am Ende des Tages schon etwas matschig angefühlt. Die Tage sind intensiv und fordernd – wir bekommen viel Input. Aber so können wir in kurzer Zeit das Maximum rausholen“, sagt Joakim Granberg. Und wenn sich der Tag dann dem Ende neigt, ist es Zeit für eine Sauna, einen Spaziergang zum Wasser oder private Themen und Gespräche in den Gemeinschaftsräumen.

Die Teilnehmer*innen des Nordic NEST Space stehen auf einem Pflastersein-Weg
Die Teilnehmer*innen des Nordic NEST Space auf dem Gut in Pommersby.

Überhaupt: Das gemeinsame Arbeiten und Erarbeiten ist einer der größten Vorteile im Space: „Viel kommt hier wirklich aus der Gruppenarbeit. Denn man beschäftigt sich eben nicht nur mit der eigenen Geschichte, sondern auch mit den Geschichten der anderen“, sagt Toby Chlosta. „Es gibt keinen Konkurrenzkampf, jeder will ein gutes Produkt – und das ist die perfekte Basis für eine gute Zusammenarbeit.“, sagt die Autorin Sarah M. Kempen aus Hamburg. Und ergänzt: „Ich finde es total entspannt, dass Wirtschaftlichkeit in diesem frühen Stadium erstmal keine Rolle spielt. Dir wird hier nichts weggestrichen. Es geht nur um unsere Geschichten – und wie wir sie besser machen können.“

Nach dem NEST Space ist vor dem Göteborg Film Festival: In Göteborg werden Ende Januar die zehn Autor*innen bei einem Matchmaking-Event ihre ausgearbeiteten Ideen einer ausgewählten Gruppe aus 20 Produzent*innen aus Deutschland und den nordischen Ländern präsentieren. Wer es schafft, eine nordische und eine deutsche Produktionsfirma hinter seinem Projekt zu vereinen, bekommt eine Treatmentförderung von 20.000 Euro. Den drei besten Projekten winken weitere 60.000 Euro. Und wer weiß, vielleicht erblicken dann in den nächsten zwei Jahren die ersten Nordic NEST-Projekte das Licht der Welt.

Der Grundstein hierfür wurde bereits gelegt: „Im Space haben wir einen Raum geschaffen, in dem aus einem Samen ein Film werden kann“, sagt Tutorin Gabrielle Brady. Wir freuen uns schon auf die Erntezeit.

Mehr Infos zum Nordic NEST bekommt ihr hier.

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