Doris Dörrie: „Ich versuche immer das Schwere leicht zu erzählen“
24.09.2026 | Deutschlandpremiere beim FilmFest Hamburg

Für ihren Film „Frau Winkler verlässt das Haus“ ist Doris Dörrie seit fast 30 Jahren wieder für einen Dreh nach Hamburg gekommen – und war begeistert von ihrem Team. In dem Film erzählt die Regisseurin in ihrem ganz eigenen Ton von Sterben und Trauer, Robotik und Fürsorge. Dabei hat sie wieder einen „sportlichen Ehrgeiz“ entwickelt, wie sie im Interview erzählt.
Interview: Britta Schmeis
„Frau Winkler verlässt das Haus“ spielt in einer nicht so fernen Zukunft, in der Roboter zum Alltag gehören. Nach einem Unfall übernimmt ein Pflegeroboter die Betreuung jener Frau Winkler. Wie sind Sie auf die Geschichte gekommen?
Doris Dörrie: Die hat sich aus verschiedenen Quellen gespeist. Einmal natürlich durch die Pflege meiner eigenen Eltern. Und dann durch meine vielen Japan-Aufenthalte, wo es ja die Robotik schon länger gibt. Und durch eine alte japanische Legende, die Legende von Narayama. Die erzählt, dass früher die ältesten Kinder ihre alten Eltern irgendwann auf einen Berg tragen und dort aussetzen mussten, damit sie dort sterben.
Dieses Bild, dass der Roboter auch Frau Winkler im Schnee zum Sterben auf einen Berg trägt ist auch ein Element aus dem Film. Es geht also um selbstbestimmtes Sterben, um Sterbebegleitung, um Robotik, aber noch um viel mehr.
Doris Dörrie: Ja, Einsamkeit im Alter ist ein großes Thema und auch selbstbestimmtes Sterben. Was bedeutet es, wenn man das Gefühl hat, zum Ballast für andere zu werden, was ja viele ältere Menschen haben? Und was bedeutet es im Zusammenhang mit der Robotik, also einem Roboter, der einen am Ende umbringen soll. Ein großes Thema ist auch die Zerrissenheit der Tochter, gespielt von Laura Tonke, zwischen der Pflege der Mutter und dem eigenen Berufswunsch und dem Berufsleben. Es geht auch um den Pflegenotstand, Fürsorge, Trauer, geplatzte Träume und verpasste Chancen. Ich wollte den Film auf vielen Ebenen erzählen.

„Frau Winkler“ hat auch viele komische Momente, ist aber auch ein Drama. Wie gelingt Ihnen immer wieder diese Balance zwischen Komik und Dramatik?
Doris Dörrie: Die meisten meiner Filme sind Tragikomödien. Das ist auch immer mein sportlicher Ehrgeiz: schwere Themen leicht zu erzählen. Denn Schweres noch schwerer zu machen, ist einfach. Aber das Schwere leicht zu machen, ist schwer. Mein Ziel ist es, dass das Publikum mit mehr Energie das Kino verlässt. Es kann erschüttert oder auch traurig aus einem Film gehen, aber nicht hoffnungslos. Das habe ich selber nicht so gerne.
Berührende Momente gibt es viel, etwa, dass Frau Winkler jeden Morgen die Vorhänge mehrfach auf und zu zieht, und sie damit der Nachbarin, die sie gar nicht kennt, Zeichen gibt.
Ja, das kommt auch aus Japan. Da haben sich tatsächlich alte Menschen in diesen Hochhauskomplexen angewöhnt, sich gegenseitig Zeichen zu geben. Dort gibt es inzwischen das schreckliche Phänomen, dass alte Menschen lange unentdeckt tot in ihren Wohnungen liegen, weil sie keine Kontakte haben. Das hat mich sehr betroffen gemacht.

Tschechow ist auch ein großes Thema. Frau Winkler nennt den Pflegeroboter Pawlowitsch, einer der Vornamen des russischen Autors, Tochter Emi probt Tschechow am Theater und auch Frau Winkler hat einst Tschechow gespielt und da ihren früh verstorbenen Mann kennengelernt. Warum Tschechow?
Ich glaube, Tschechow ist für alle Schriftstellerinnen und Schriftsteller der große Held. Ich habe mit 14 Jahren in der Schule angefangen, Russisch zu lernen, nur weil ich Tschechow im Original lesen wollte. Nach vier Jahren konnte ich das aber immer noch nicht, weil seine Sprache so komplex ist. Ich fand ihn als Schriftsteller immer wirklich überragend. Seine Menschenbeobachtung und seine so ambivalente Darstellung, wie er Menschen beschreibt, das ist unerreicht. Aber auch wegen seiner Stücke, die ja viele Menschen kennen. Darin erzählt er oft von der Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Gefühle, und auch von Umbrüchen, in denen die Menschen aber doch nicht agieren können. Und das alles Anfang des 20. Jahrhunderts. Ich fand es erstaunlich, wie aktuell das wieder ist.


Angela Winkler spielt diese Frau Winkler, ein Zufall oder haben Sie bewusst die Rolle für Angela Winkler geschrieben?
Ich habe das Buch für sie geschrieben, aber wir haben lange kein Geld gefunden, um den Film zu machen und sie war auch in anderen Projekten involviert. Dann aber nach vier Jahren haben wir zum Glück zueinander gefunden. Da war der Film endlich finanziert, auch dank der MOIN Filmförderung, die uns mit 550.000mEuro unterstützt hat. Da hatte Angela Winkler dann auch Zeit. Es war eine glückliche Fügung. Den Titel fand sie „clever“, wie sie gesagt hat.

Sie haben erstmals seit den 1980er-Jahren wieder in Hamburg, im Norden gedreht. Wie kam es dazu?
Das lag zum einen an der MOIN Filmförderung. Ich hatte aber auch einfach Lust mal wieder in Hamburg zu drehen, weil es in anderen Großstädten wie München und Berlin für mich nicht mehr so viel Neues zu entdecken gibt. Aber auf Hamburg hatte ich nach so vielen Jahren einen frischen Blick. Auch wenn wir gar nicht so viele Außenmotive in Hamburg – und auch in Lübeck gedreht haben, aber die Bungalow-Siedlung in Rahlstedt, der Alte Schwede an der Elbe, das Literaturhaus und das Schauspielhaus in Lübeck – all das war und ist sehr spannend für den Film.
Trailer "Frau Winkler verlässt das Haus"

Ihr Team kam auch größtenteils aus Hamburg?
Ja, das hat mich absolut umgehauen. Es war, glaube ich, das beste Team, das ich jemals hatte und zwar in jeder Position. Ich kannte ja niemanden von Team mit Ausnahme von Bernd Lepel, der zusammen mit Zazie Knepper die wunderbare Ausstattung gemacht hat, aber sonst kannte ich keinen, was ja eher eine schwierige Voraussetzung für einen Kinofilm ist. Aber die waren alle so toll, so professionell sowieso, aber auch so zugewandt und so klasse. Und ich hatte das erste Mal einen wirklich tollen Regieassistenten: Malte Grosche, den muss man wirklich herausheben, aber auch den Produktionsleiter Markus Mayer. Es waren einfach alle herausragend. Ich möchte auf jeden Fall wieder in Hamburg drehen.
Am 28. September feiert „Frau Winkler verlässt das Haus“ auf dem Filmfest Hamburg Deutschlandpremiere – in Anwesenheit von Doris Dörrie.






