
Wieviel Istanbul steckt in Hamburg?
09.02.2026 | „Gelbe Briefe“ bei der Berlinale 2026

Die Erfolgsgeschichte geht weiter: Für „Das Lehrerzimmer“ gab es im letzten Jahr eine Oscar-Nominierung und fünf deutsche Filmpreise – jetzt steht İlker Çatak mit seinem nächsten Drama „Gelbe Briefe“ im Wettbewerb der Berlinale 2026. Warum Hamburg hier als Istanbul fungiert und wie es zu der hochpolitischen Geschichte gekommen ist, erzählen wir euch hier.
Von Daniel Szewczyk
Berlin als Ankara, Hamburg als Istanbul – schon der Trailer zu İlker Çataks neuem Berlinale-Film „Gelbe Briefe“ macht unmissverständlich klar, dass hier irgendetwas anders läuft. „Wir hätten den Film natürlich auch an den Originalschauplätzen in der Türkei drehen können, aber dann hätte ich mich wie ein Tourist in meiner eigenen Geschichte gefühlt“, sagt Regisseur und Drehbuchautor İlker Çatak. Ein kluger Schachzug, wie sich recht bald herausstellen sollte.
Der Ursprung der Gelben Briefe
Zum ersten Mal hörte Çatak von den gelben Briefen, als er Freunde am Theater in Istanbul besuchte: „In den Briefen wurde ihnen mit hanebüchenen Begründungen mitgeteilt, dass sie nicht mehr zur Arbeit kommen dürften. Das Thema hat mich dann sehr beschäftigt“, sagt der Regisseur. Es sollte jedoch noch zwei weitere Jahre (und zwei weitere Filme) dauern, bis Çatak sich mit seinen Co-Autor*innen Ayda Çatak und Enis Kostepen an die Recherche machte und der Schreibprozess begann.

Einer, der ebenfalls seit 2019 in die Entstehung der Geschichte eingeweiht war: Produzent Ingo Fliess und seine Münchener Firma if…Productions. Çatak und Fliess verbindet eine langjährige Zusammenarbeit und Freundschaft – „Gelbe Briefe“ ist ihr dritter gemeinsamer Film: „Eigentlich hatten wir uns auf einen kleinen, schnellen Film gefreut, den wir in der Türkei auf der Straße drehen – die Initiative ging von unserem türkischen Koproduzenten Enis Kostepen aus“, sagt Fliess. Doch dann kam die Idee auf, den Film quasi selbst ins Exil zu schicken und in Deutschland spielen zu lassen. Und damit war auch klar, dass sich die Dimensionen der Produktion ändern und die Finanzierung zum Großteil aus Deutschland kommen würde. „Plötzlich konnten wir wieder dort erzählen, wo wir uns auskennen“, so Ingo Fliess.


Die Geschichte
Im Film steht das gefeierte Künstlerehepaar Derya und Aziz aus Ankara im Fokus. Sie führen mit ihrer 13-jährigen Tochter Ezgi ein erfülltes Leben – bis ein Vorfall bei der Premiere ihres neuen Theaterstücks alles verändert. Über Nacht geraten sie ins Visier des Staates und verlieren ihre Arbeit und ihre Wohnung. Sie gehen nach Istanbul, wo sie vorläufig bei der Mutter von Aziz unterkommen. Während sich Aziz mit Gelegenheitsjobs durchschlägt und an seinen Überzeugungen festhält, sucht Derya nach einem Ausweg, der sie finanziell unabhängig macht, allerdings ihren moralischen Kompass stark auf die Probe stellt.

Die Drehorte
Die erste Hälfte des Films spielt in Berlin (im Film Ankara), dann wechselt das Geschehen nach Hamburg (Istanbul). Dabei geht der Film ganz offen mit dieser Information um. Autokennzeichen werden nicht verschleiert und ikonische Gebäude sind auch als solche zu erkennen. Die Grenzen zwischen den Städten verschwimmen: „Als ich mit meiner Frau Ayda im Jahr 2008 mit einem Kurzfilm das erste Mal in Hamburg auf dem Kurzfilmfestival war, waren wir beide sofort schockverliebt. Sie war kurz vorher gerade aus Istanbul nach Berlin gezogen und ich bin in Istanbul zur Schule gegangen. Und hier standen wir jetzt am Hafen in Hamburg und hatten das Gefühl am Bosporus zu stehen“, sagt Çatak.
Gedreht wurde „Gelbe Briefe“ an zahlreichen Orten in Hamburg – darunter der Hafen, der Steindamm, auf dem Heiligengeistfeld und im Schanzenviertel. Die Wohnung der Familie in Hamburg wurde hingegen im Studio bei Cinegate gedreht. So war man flexibler, gerade weil mehrere jugendliche Darsteller*innen in die Szenen involviert waren. „Bei den Drehgenehmigungen haben wir eng mit den Hamburger Behörden zusammengearbeitet. Ein großer Dank auch an dieser Stelle an Carsten Brosda – wo sonst kann man einfach so den Kultursenator anrufen und um Unterstützung bitten?“, sagt Produzent Fliess.


Der Hauptcast
Hauptdarsteller Tansu Biçer, der im Film Regisseur und Familienvater Azis spielt, war eine Zufallsentdeckung von İlker Çatak. „Ich war gerade in Istanbul und habe ihn da auf der Bühne gesehen – ich wusste sofort: Das ist er!“ Mit Hauptdarstellerin Özgü Namal zusammenzuarbeiten war hingegen ein lang gehegter Traum. Er habe sie das erste Mal mit 15 Jahren auf einer Theaterbühne gesehen und ist seither großer Fan. In der Türkei ist sie ein Superstar, der eigentlich gar nicht mehr zu Castings gehen muss – für „Gelbe Briefe“ machte sie jedoch eine Ausnahme.

Next Stop: Berlinale
Im Jahr 2023 lief Çatak mit „Das Lehrerzimmer“ im Panorama der Berlinale – der Film mit Leonie Benesch in der Hauptrolle legte danach einen kometenhaften Aufstieg hin, der in einer Oscar-Nominierung gipfelte und auch mehrere deutsche Filmpreise gewann. Viel mehr geht für einen 41-jährigen Nachwuchsregisseur eigentlich nicht: „Nach dem Lehrerzimmer war unsere Unschuld verloren – das war wirklich eine märchenhafte Reise. Jetzt ist mehr Druck auf dem Kessel – wir sind überglücklich, dass ‚Gelbe Briefe‘ es in den Berlinale-Wettbewerb geschafft hat“, sagt Ingo Fliess. Die Oscar-Nominierung hatte dabei für das Folgeprojekt natürlich auch ein paar Vorteile. So sei die Finanzierung etwas leichter gewesen – und viele internationale Verleiher sind direkt wieder mit an Bord gekommen.

Kennengelernt haben Fliess und Çatak sich übrigens in Hamburg: Ingo Fliess war Dozent an der Hamburg Media School und İlker Çatak studierte hier Regie und belegte eines seiner Seminare. „Man hat ihm seine Energie direkt angemerkt. Er ist bereit, deutlich mehr zu machen als nur das Nötigste und kann Niederlagen schnell abschütteln“, schwärmt Ingo Fliess. Doch auch Çatak ist nur voll des Lobes: „Ingo hat eine klare Haltung und ist wahnsinnig zugewandt – auch bei ganz einfachen Sachen. In meiner Anfangszeit hat er mich zum Beispiel fast beiläufig gefragt, ob ich genug Geld auf dem Konto hab – klingt banal, sagt aber sehr viel über ihn aus. Bei if…Productions ist es einfach ein Gefühl, als wenn man Filme mit Freunden macht.“
Filme, die ganz nebenbei zu dem Besten gehören, was aktuell aus Deutschland heraus produziert wird.
Spielzeiten bei der Berlinale:
13.02, 21.30 Uhr, Berlinale Palast
14.02, 14:45 Uhr, Uber Eats Music Hall
15.02, 12:45 Uhr, Urania
20.02, 12.30 Uhr, Zoo Palast 1
22.02, 19 Uhr, Uber Eats Music Hall
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