PlanetNarratives unterstützt Filmschaffende dabei, Geschichten zu entwickeln, die gesellschaftliche Transformation ermöglichen. Im Zentrum steht die Frage, wie Narrative dazu beitragen können, Demokratie zu stärken und Zukunft gestaltbar zu machen. Die von Medienjuristin Nicole Zabel-Wasmuth und Regisseur Lars Jessen gegründete Initiative hat die Ergebnisse gemeinsam mit Possler aufbereiten und im Rahmen des Hamburger Filmfests 2025 erstmals präsentiert.
Klimavisionen für eine bessere Zukunft?
20.05.2026 | Erste Nachhaltigkeitsstudie in Hamburg abgeschlossen

Der Klimawandel schreitet unaufhaltsam voran – doch unsere Gesellschaft ist immer weniger bereit, für einen konsequenten Wandel zu kämpfen. Können Unterhaltungsmedien uns dazu bewegen, wieder mehr an diesen Wandel zu glauben? Und wie muss eine Botschaft verpackt werden, um langfristig Erfolg zu haben? Diesen Fragen ging Kommunikationswissenschaftler Dr. Daniel Possler im Rahmen eines Forschungsstipendiums nach, das die MOIN Filmförderung gemeinsam mit PlanetNarratives im vergangenen Jahr ausgeschrieben hat. Mehr zum Arbeitsprozess und den Ergebnissen verraten wir euch hier.
„Ein leichtes Rauschen des Windes in den Bäumen, kaum Straßengeräusche – manchmal habe ich trotz geöffnetem Fenster fast vergessen, dass ich mitten auf St. Pauli bin“, sagt Dr. Daniel Possler und lacht. Einen Monat lang lebte der Kommunikationswissenschaftler aus Hannover in Hamburgs Grünem Bunker hoch über den Dächern der Stadt. Eine mehr als passende Unterkunft für seinen Studienschwerpunkt: Gemeinsam mit seiner Kollegin Dr. Anna Freytag forscht Possler bereits seit mehreren Jahren am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung (IJK) der Hochschule für Musik, Theater und Medien daran, wie gute Umweltkommunikation gelingen kann – und welche Rolle Unterhaltungsmedien dabei spielen. Im Fokus ihrer jüngsten Forschungsarbeit: Klimavisionen.
Ein Blick in die Zukunft: Klimavisionen
„Wir hatten in unseren und in anderen Studien gesehen, dass Botschaften in Unterhaltungsmedien meist keinen langfristigen Effekt auf die Zuschauer*innen haben. Man wird vielleicht kurzfristig motiviert, nachhaltiger zu handeln, doch nach kurzer Zeit verpufft der Effekt. Wir haben uns also gefragt, wie eine Botschaft in einem Film gestaltet sein muss, um uns längerfristig zu beeinflussen. So sind wir auf das Konzept von Klimavisionen gestoßen“, sagt der 37-Jährige. Also Visionen einer attraktiven und nachhaltigen Zukunft.

„Wir glauben, dass Klimavisionen im Film besonders gut zu nachhaltigem Verhalten motivieren können, denn sie knüpfen an einen aktuellen gesellschaftlichen Trend an. Der Soziologe Andreas Reckwitz spricht in seinem Buch ‚Verlust‘ davon, dass wir den Glauben an das Fortschrittsnarrativ verloren haben. Also den Glauben, dass die Zukunft besser wird als die Gegenwart“, sagt Possler. Eine These, der er sich anschließt. Und warum sollten wir jetzt etwas verändern, wenn wir eh denken, dass in Zukunft alles nur noch schlimmer wird? Klimavisionen könnten ein Baustein sein, um Lust auf ein nachhaltiges Morgen zu machen und Menschen zum Wandel zu motivieren.
Support für ihre Arbeit suchte sich das Duo in den USA bei den Wissenschaftskolleg*innen Prof. Dr. Chris Skurka und Ass.-Prof. Dr. Cassandra Troy. Und gerade als die vier Forscher*innen beschlossen hatten, gemeinsam weiter Studien auf den Weg zu bringen, veröffentlichten die MOIN Filmförderung und PlanetNarratives die Ausschreibung für ein Forschungsstipendium: Ein perfektes Match, da bereits einiges an Vorarbeit geleistet war. „Der Klimawandel erfordert einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel, doch die Gesellschaft ist erschöpft von negativen und disruptiven Erzählungen. Deshalb ist dieses Forschungsstipendium so wichtig für die Branche, um Antworten darauf zu finden, inwieweit wir mit neuen Narrativen auch die Motivation zu umweltfreundlichem Verhalten finden“, sagt Film Commissionerin Christiane Scholz, die das Nachhaltigkeitsthema bei der MOIN Filmförderung bereits seit fast 15 Jahren voranbringt.
Drei Clips, eine Studie
Im September 2025 stellte das Team um Daniel Possler im Rahmen des Stipendiums eine empirische Studie mit knapp 1000 Online-Teilnehmer*innen auf die Beine. Possler lebte während dieser Zeit im Grünen Bunker in Hamburg und stand als Leiter des Projekts im ständigen Austausch mit seinen wissenschaftlichen Kolleg*innen, PlanetNarratives und MOIN.

Bei der Studie wurden den Teilnehmer*innen verschiedene Ausschnitte aus Damon Gameaus Dokumentarfilm „2040“ gezeigt, der den Klimawandel thematisiert, mögliche Lösungen vorstellt und die daraus resultierenden Zukunftsszenarien entwirft. In der Studie, bekam eine Gruppe einen Clip gezeigt, der nur das Problem des Klimawandels erklärt. Für die zweite Gruppe wurde an den Problemclip noch ein Lösungsclip geschnitten, der zeigt, wie Solarenergie in Bangladesch effektiv in einem dezentralen Solarnetzwerk genutzt wird. Für die dritte Gruppe wurde schließlich der Problem- und Lösungsclip um einen Visionsclip ergänzt: Ein Sprung in die Zukunft, in der jeder Haushalt eine große Solarenergieanlage hat und Teil eines dezentralen Stromnetzes ist, was zum Umweltschutz, aber auch zu mehr Wohlstand und Unabhängigkeit führen würde. Eine Utopie, die Lust auf Morgen macht und darüber hinaus noch einen Unterhaltungseffekt hat.
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Im Anschluss folgte ein kurzer Fragenkatalog: So wollte Posslers Team zum Beispiel wissen, wie inspirierend und unterhaltsam der jeweilige Clip war, ob man sich eine grüne Zukunft vorstellen könne – und wie groß die Bereitschaft wäre, jetzt selbst im Umweltschutz tätig zu werden. Das Besondere: Zwei Wochen später wurden alle Teilnehmer*innen erneut gefragt, ob sie in ihrem Handeln nachhaltiger geworden sind und/oder weiterhin grüne Pläne für die Zukunft haben.
Kurzfristige Effekte
Die Lösungs- und Visionsclips schlugen den reinen Problem-Clip bei fast allen Fragestellungen. Die Lösungs- und Visionsclips waren inspirierender, lösten mehr Hoffnung aus und schafften eine bessere Vorstellung von einer nachhaltigen Zukunft. Die Clips waren zudem unterhaltsamer als die reine Problemdarstellung. Kurzfristig war in beiden Gruppen auch die Motivation höher, die Umwelt zu schützen. Das Problem: Bei der Befragung zwei Wochen später war von diesem positiven Effekt kaum noch etwas übrig. Jetzt war die Motivation, in Zukunft umweltbewusster zu handeln, bei allen drei Teilnehmergruppen nahezu gleich.

„Eine mögliche Lösung könnten Follow-Up-Maßnahmen darstellen“, vermutet Possler. Beispielsweise könnten Zuschauer*innen direkt nach dem Ansehen der Inhalte weitere Informationen oder eine Einladung, einer Community beizutreten, erhalten. Zudem könnte die Möglichkeit geboten werden, unkompliziert finanzielle Mittel für den Umweltschutz in der eigenen Region zu beantragen. So verpufft die positive Energie nicht, sondern wird direkt in eine Handlung übersetzt. „So hat Damon Gameau es auch bei seinem Film „2040“ gemacht“, verrät Daniel Possler.
Folgestudie: Can you do it again?
Eine spannende Frage ist im Anschluss an die Studie, ob es überhaupt eine Klimavision braucht oder ob es schon reicht, in Filmen und Serien eine Lösung zu präsentieren. „Ein Blick in die Zukunft, also eine Vision, ist filmisch natürlich deutlich schwerer umzusetzen als einfach nur zu zeigen, wie eine Lösung im Hier und Jetzt aussehen kann“, sagt Daniel Possler. Aber hier brauche man noch mehr Daten, um dann später mit Filmemacher*innen und speziell auch Drehbuchautor*innen in den Dialog zu gehen und ganz praktische Handlungsempfehlungen für den Schreibprozess zu geben.
Eine Folgestudie ist für 2026 bereits in Planung. Diese sei jedoch zunächst stark an die erste Studie angelehnt: „In der Wissenschaft ist es wie im Sport: Eine einzige Leistung reicht nicht aus; erst wenn wir wiederholt das Gleiche zeigen können, gewinnen die Ergebnisse an Belastbarkeit. Wir müssen also erstmal schauen, ob wir mit anderen Clips die gleichen Ergebnisse erzielen können wie bei der ersten Studie“, so Possler.
In diesem Sinne: Auf die Plätze, fertig, los!




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