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Eine afghanische Rom-Com aus Hamburg

25.09.2026 | "No Good Men" von Shahrbanoo Sadat beim FilmFest Hamburg

Filmstill von No Good Men. Mit Shahrbanoo Sadat und Anwar Hashimi an einem Esstisch.
Credit: Virginie Surdej

„No Good Men“ von Shahrbanoo Sadat eröffnete Anfang des Jahres die Berlinale und ist nun beim FilmFest Hamburg zu sehen. Die Regisseurin lebt und arbeitet seit ihrer Evakuierung aus Afghanistan im Jahr 2021 in Hamburg. Produziert von Katja Adomeit aus Lübeck, entstanden acht Drehtage in verschiedenen Hamburger Stadtteilen, die im Film Kabul verkörpern. Was eine afghanische Rom-Com ausmacht und wie es für Sadat war, erstmals selbst eine Rolle zu verkörpern, die ihr so nah ist, erfahrt ihr im Artikel.

Als Shahrbanoo Sadat im Jahr 2020 begann, das Drehbuch zu “No Good Men” zu schreiben, wollte sie in erster Linie von einer Frau erzählen, die sie an ihre eigene Geschichte erinnert: in Kabul lebend, Teil der Mittelschicht, berufstätig, finanziell unabhängig und mit eigener Stimme. Eine Stimme, die jedoch in Gefahr gerät, sobald sie sich gegen staatliche Institutionen und Autoritäten richtet.

So entstand die Protagonistin Naru (gespielt von Shahrbanoo Sadat), die einzige Kamerafrau des Senders „TV Kabul“. Mit Naru porträtiert Sadat eine der vergleichsweise privilegierten Frauen der afghanischen Gesellschaft, kurz vor der Machtergreifung der Taliban: Sie lebt in der Hauptstadt, hat einen Job und eigenes Geld. Und doch machen sich die strukturellen Benachteiligungen als Frau deutlich bemerkbar – sei es im Kampf um das Sorgerecht ihres Kindes, in der Beziehung zu ihrem Ex-Mann oder in ihrem Arbeitsalltag, in dem ihre Professionalität immer wieder infrage gestellt wird. Kein Wunder also, dass Naru den Glauben an gute Männer verloren hat. Diese Überzeugung muss sie allerdings infrage stellen, als sie auf den Journalisten Qodrat (gespielt von Anwar Hashimi) trifft.

„Eigentlich rede ich über das Patriarchat“

Nachdem Sadat zunächst zögerte, sich filmisch mit Frauen auseinanderzusetzen – nicht zuletzt wegen zahlreicher verfälschender Projekte über Frauen in Afghanistan – kam sie schließlich zu einer klaren Erkenntnis: „Das ist mein Thema. Ich bin eine Frau und ich habe jedes Recht, darüber zu schreiben. Also mache ich einen Film über Frauen.“

In den frühen Phasen des Drehbuchs fiel es ihr jedoch schwer, die Essenz zu fassen. „Ich hätte die Geschichte in fünf Minuten erklären können, aber nicht kurz und bündig. Es hat drei Jahre und mehrere Versionen des Drehbuchs gebraucht, bis mir klar wurde: Eigentlich rede ich über das Patriarchat.“

Mit der Machtübernahme der Taliban 2021 beobachtete Sadat eine zunehmende Romantisierung der demokratischen Ära Afghanistans und wollte dieser bewusst entgegenwirken: „Ich leugne nicht, dass die Taliban das größte Problem des heutigen Afghanistans sind. Aber das Patriarchat ist der Kern der Mentalität der Taliban – und das existierte lange vor ihnen.“

Eine afghanische Rom-Com

Für die Recherche begleitete Sadat afghanische Journalisten einen Monat lang täglich bei ihrer Arbeit – nur wenige Monate vor der Rückkehr der Taliban. Eine schwere Zeit, in der sie lernen musste, emotionale Distanz zu wahren.

„Ich habe noch nie in meinem Leben so viel geweint wie während der Entwicklung dieses Projekts“, sagt sie. Konfrontiert mit den tragischen Lebensrealitäten stellte sie sich schließlich die Frage, wie sie diese schweren Themen für ein internationales Publikum zugänglich und greifbar machen könne.

Sadat wusste: “No Good Men” soll eine romantische Komödie werden – auch wenn viele das Genre für unangemessen hielten und andere Erwartungen an sie hatten – die politische Realität des Landes und die gesellschaftlichen Herausforderungen, die Naru als Frau erlebt, fließen dabei direkt in die Geschichte ein. Für manche sprengt das die klassische Vorstellung einer Rom-Com, für Sadat jedoch ist der Film genau das: „Ich kann immer behaupten, dass es eine afghanische Rom-Com ist, weil niemand weiß, was eine afghanische Rom-Com ist. So etwas hat es noch nie gegeben!“

Sadat als Schauspielerin und Regisseurin

Die Rolle von Naru wird von Sadat selbst gespielt – ein zunächst ungewolltes Schauspieldebüt: “Es gibt einen Grund, warum ich Regisseurin bin und lieber hinter der Kamera stehe.” Ihre Arbeit als Regisseurin half ihr dabei, sich auch als Schauspielerin anzunehmen und selbst von ihren Fähigkeiten zu überzeugen.

Und doch kamen hin und wieder Zweifel auf. Das patriarchale System, so Sadat, habe ihre Glaubenssätze geprägt. “Mach dich klein, bleib unsichtbar, sei bloß nicht zu viel”. Hinzu kam der Druck, sich ständig beweisen und Bestätigung von außen suchen zu müssen. Die Verkörperung von Naru hatte auf sie eine Art therapeutische Wirkung: „Ich sehe mich selbst zum ersten Mal. Ich sehe diese Frau, und sie ist nicht perfekt – aber in ihren Unvollkommenheiten perfekt. Sie ist genug.“

Produktion in Hamburg

Den Film vollständig in Deutschland zu realisieren war eine echte Herausforderung für Sadat - doch eine, der sie sich gerne stellte: „Wir haben diese hochprofessionelle Crew aus Deutschland und wir haben meine Augen. Und die Augen von Anwar Hashimi, der einfach die besten Augen hat“, sagt Sadat und lacht. Sie suchten nach sowjetischer Architektur, wie sie auch in Afghanistan zu finden ist. Fündig wurden sie unter anderem in einem Wohngebiet im Hamburger Stadtteil Billstedt. Von den insgesamt acht Drehtagen in der Hansestadt fanden einige dort statt. Für die Valentinstags-Szene wurde ein kleiner Kabuler Markt auf nur 20 Quadratmetern aufgebaut und mit 20 Statist*innen besetzt. Mit Billstedt als Drehort brachte auch die lokale afghanische Community vor Ort eine eigene Handschrift mit in die Szenen.

Für die Valentinstags-Szene wurde ein kleiner Kabuler Markt auf nur 20 Quadratmetern aufgebaut und mit 20 Statist*innen besetzt. Credit: Virginie Surdej

Produzentin des Films ist die Lübeckerin Katja Adomeit. Bereits für Sadats frühere Filme “Wolf and Sheep” (2016) und “The Orphanage” (2019) arbeitete das Duo erfolgreich zusammen. “No Good Men” ist der dritte Teil der geplanten fünfteiligen Filmreihe. „Mit ‘No Good Men’ seht ihr das Ende der Geschichte. Für die nächsten Teile reise ich in die Zeit zurück.“, verrät Sadat und macht neugierig auf das, was noch kommt.

Das Team von "No Good Men" bei der Eröffnung der 76. Berlinale. Credit: Kurt Krieger
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