MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein

Interview mit einem Geist

24.09.2026 | „Those who Whistle after Dark” beim FilmFest Hamburg

Eine junge Frau sitzt auf einem Bett und schreibt auf ihren Gips.
Hauptdarstellerin İnci Sefa Cingöz gewann beim Istanbul Film Festival den Preis als beste Schauspielerin

Vater, Mutter, Tochter, Geister: Das ist die heruntergebrochene Formel für Pinar Yorgancıoğlus Langfilmdebüt „Those Who Whistle After Dark“. Die schwarze Komödie feierte ihre Weltpremiere beim Goa International Film Festival 2025 und ist am 1. Oktober als Deutschlandpremiere beim FilmFest Hamburg zu sehen. Was der Film mit Hamburg zu tun hat und wie genau man auf eine etwas andere Geistergeschichte kommt, verraten wir euch hier.

Sie reden ruhig in die Kamera. Auf einem Sofa, auf dem Balkon, an einem Schreibtisch. Sie sehen aus wie ganz normale Menschen. Und doch gibt es immer kleine (und manchmal auch größere) Hinweise darauf, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Eine Kanüle im Hals, ein permanentes Sprechen in der Vergangenheit, eine endlose Melancholie, oder das Schweben über den Boden. Die Geister in Pınar Yorgancıoğlus Langfilmdebüt „Those Who Whistle After Dark“ unterscheiden sich grundlegend von allen Geistern, die wir bisher aus dem Kino kannten. Und genau das macht den Film so besonders.

Ein Mann und eine Frau sitzen in einem stehenden Auto und winken heraus. Draußen lehnt eine junge Frau auf der Kühlerhaube
Pınar Yorgancıoğlu (l.) und die zwei Hauptdarsteller*innen Müfit Kayacan und Hülya Gülşen am Filmset

Im Zentrum der Geschichte steht eine kleine türkische Familie in Ankara: Vater Melih war Leiter eines Naturkundemuseums und ist gerade in den Ruhestand gegangen – weiß mit seiner neu gewonnenen Zeit jedoch nichts anzufangen. Mutter Suzan ist Krankenschwester und mit ihrem Leben unzufrieden. Tochter Toprak ist angehende Schriftstellerin, verbringt ihre Tage aber lieber damit, Ego-Shooter im Internet zu spielen. Und zwischendurch kommentieren kürzlich oder schon vor langer Zeit verstorbene Wegbegleiter*innen als Geister das Leben der drei Hauptcharaktere. Kurze Interviewsequenzen, die unvermittelt in das Geschehen eingestreut werden und uns Melih, Suzan und Toprak näherbringen.

Die Entstehungsgeschichte der Geister

Wie kommt man auf so eine Geschichte? „Die Mutter einer Freundin aus meinem Masterstudium an der Colombia Universität in New York hatte eines Tages einen Geist gesehen. So wie sie den Geist beschrieben hat, klang alles sehr realistisch. Wir witzelten dann etwas herum, ob man nicht einen Dokumentarfilm machen könnte, in dem der Geist ein Interview gibt“, sagt die Filmemacherin Yorgancıoğlu.

Ein Mann sitzt am linken Rand des Bildes, ein zweiter scwebt am rechten Rand etwas über dem Fußboden. In der Mitte verläuft eine Wand durchs Bild
Vater Melih (l.) sieht seinen ersten Geist

Und dieser Gedanke habe dann den Weg in den Film gefunden. Sie wollte das Geisterphänomen nicht durch die Augen der Lebenden erklären, sondern ihre irdischen Probleme durch die Augen der Geister beleuchten. Um dem Thema etwas die Schwere zu nehmen, streut Yorgancıoğlu immer wieder schwarzen Humor ein. „Das hat mit meiner Persönlichkeit zu tun. Ich brauche diesen Ton, um den Film und das Thema für mich auszubalancieren“, sagt die Regisseurin.

Hamburg ist auch mit dabei

Im Jahr 2018 nahm die Arbeit am Film dann an Fahrt auf. Sie entwickelte das Drehbuch im renommierten Venice Biennale College, bei dem Filme die Chance auf eine Förderung in Höhe von 150.000 Euro haben. „Auch wenn ich die Förderung am Ende nicht bekommen habe, hab ich den Film für ein kleines Budget geschrieben. Das hat bei der anschließenden Finanzierung auf dem internationalen Filmmarkt sehr geholfen“, so die Regisseurin. So war auch schnell klar, dass der Film komplett in ihrer Geburtsstadt Ankara gedreht werden würde. Hier konnte das Team im Jahr 2023 dank ihrer Verbindungen kostengünstig drehen – und das in nur 24 Tagen.

Those Who Whistle After Dark” ist eine türkisch-deutsch-bulgarische Koproduktion. Aus Hamburg mit dabei: Produzentin Sandra Müller und ihre Firma Marlene Film: „Für mich war es mein erstes internationales Arthausprojekt. Der Kontakt kam über den Hamburger Produzenten Michael Eckelt zustande, der mir gerade in der Anfangszeit mit Rat und Tat zur Seite stand“, verrät Müller. Im Anschluss wurde das Projekt durch den Deutsch-Türkischen Co-Produktion Development Fonds gefördert, dem gemeinsamen Programm von MOIN Filmförderung, Medienboard Berlin Brandenburg und dem Istanbuler Filmfestival – Meetings on the Bridge.

Eine junge Frau kniet neben einer älteren Frau und unterhält sich mit jemandem, der nicht im Bild ist
Pinar Yorgancıoğlu (r) gibt letzte Anweisungen an ihre Schauspieler*innen

„Ich war sehr froh, als Sandra an Bord war. Wir kommen aus der gleichen Generation und haben das gleiche Verständnis für Filmstoffe. Das hat sehr geholfen“, sagt Yorgancıoğlu. Neben Sandra Müller kommt auch Kameramann Jonas Schneider aus Deutschland, mit dem Yorgancıoğlu bereits an einem ihrer früheren Kurzfilme zusammengearbeitet hat. Die beiden erstellten auch für „Those Who Whistle After Dark“ das Concept Paper.  

Im Schneideraum

Pınar Yorgancıoğlu ist nicht nur Regisseurin und Drehbuchautorin (gemeinsam mit Emre Gülcan), sondern auch eine von drei Editor*innen des Films. Drei Editor*innen? „Die Editorin der ersten Version musste das Projekt am Ende leider verlassen, da sie andere Verpflichtungen hatte. An der zweiten Version habe ich alleine gearbeitet. Für die dritte, finale Version ist ein dritter Editor mit in das Projekt eingestiegen. Und ich finde: Man kann uns alle drei in dem Film sehen, aber es fügt sich alles perfekt zusammen“, sagt die Filmemacherin und lacht. Das Team war im Jahr 2024/25 auch Teil des First Cut Lab und First Cut Lab +, wo der Film seinen letzten Schliff bekam.

Eine Gruppe Menschen sitzt und steht auf der Straße und guckt in die Kamera
It's a wrap: Zum Drehschluss kommt das gesamte Team nochmal zusammen.

Nach einer erfolgreichen Weltpremiere in Goa und weiteren Festivalstopps unter anderem in Shanghai und Istanbul, wo es den Best Actress Award für İnci Sefa Cingöz gab, wird der Film jetzt beim FilmFest Hamburg in der Sektion Hamburger Premieren zu sehen sein. Eine universelle Geschichte über eine Familie aus der städtischen Mittelschicht, die den Hamburger Kinobesucher*innen ganz bestimmt an der einen oder anderen Stelle ein Schmunzeln ins Gesicht zaubern wird. Übrigens: Als Taubenliebhaber*in sollte man sich den Film auch auf gar keinen Fall entgehen lassen. Selten kam den Großstadtvögeln mehr Bedeutung zu als in „Those Who Whistle After Dark“. Wer wissen will, warum, kommt am 1. Oktober um 21:45 Uhr zur Premiere ins Metropolis Kino in Hamburg.

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