
Ein Festivalerfolg in 17 Drehtagen
14.08.2026 | Kinostart „Ghost School“

Mit „Ghost School“ ist Filmemacherin Seemab Gul ein kleines Filmjuwel gelungen. Das Drama um die 10-jährige Rabia, die wissen möchte, warum ihre Schule geschlossen wurde, lief bisher auf mehr als 30 Festivals – darunter die Berlinale und das Toronto International Film Festival. Gedreht wurde an gerade einmal 17 Tagen in Pakistan. Welche Herausforderungen so ein Dreh mit sich bringt und warum der Film in Pakistan erstmal nicht im Kino laufen wird, haben uns Gul und die Hamburger Kamerafrau Zamarin Wahdat in einem Interview erzählt. Kinostart: 3. September
„Man hat mir immer gesagt, ich soll niemals einen Film mit Kindern, Tieren oder Feuer drehen – wir haben bei ‚Ghost School‘ alles davon gemacht“, sagt Filmemacherin Seemab Gul und lacht. Das Team drehte an 17 Tagen in zwei kleinen Dörfern nur unweit der pakistanischen Millionenmetropole Karachi. Normalerweise ist ein abendfüllender Spielfilm in dieser Zeit kaum zu schaffen – doch dank akribischer Vorbereitung und einer 200-köpfigen Crew war der Film nach rund zweieinhalb Wochen im Dezember 2024 im Kasten. Ein echtes Herzensprojekt von Regisseurin und Drehbuchautorin Seemab Gul – das ihr einiges abverlangte.
Woher kommen die Geisterschulen in Pakistan?
Diese Frage stellte Gul sich 2022, als sie nach der großen Flutkatastrophe durch Pakistan reiste. Die Filmemacherin, die selbst in Karachi geboren und aufgewachsen ist, fragte Freunde und Verwandte – doch niemand konnte ihr eine zufriedenstellende Antwort geben. „Und so machte ich mich selbst auf die Suche nach der Antwort auf die „Ghost Schools“, von denen es mittlerweile mehr als 15.000 Stück in Pakistan gibt“, sagt Gul. Ihre Reise ist dabei ein Stück weit auch die Reise der kleinen Hauptdarstellerin des Films: Nachdem ihre Schule von einem auf den anderen Tag schließt, macht sich die zehnjährige Rabia (gespielt von Nazualiya Arsalan) auf den Weg durch ihr ganzes Dorf, um nach Antworten zu suchen.


In einem kleinen Fischerdorf nahe Karachi drehte das Filmteam Rabias Schule. Das Besondere: Auch die echte Dorfschule musste vor einiger Zeit schließen. „Die Lehrer dort haben alle freiwillig und ohne Bezahlung gearbeitet. Wer also irgendwo einen bezahlten Job bekam, war weg. So wurde die Schule auch irgendwann zur Geisterschule“, verrät Gul. Realität und Fiktion verschwimmen und machen das Thema noch eindringlicher.
Trailer "Ghost School"

Filmdreh mit großer Crew
Der Film ist eine Koproduktion der Länder Pakistan, Bulgarien und Deutschland. Neben der Hamburger Produktionsfirma Red Balloon Film war auch die Hamburger Oscar-Preisträgerin Zamarin Wahdat an dem Projekt beteiligt und übernahm die Kamera. Die Arbeit unterschied sich dabei grundlegend von einem Dreh in Europa: „Mein Kamera-Department bestand immer aus mindestens sieben Leuten, im Licht-Department waren es manchmal sogar bis zu 40! In Europa wäre das aus Kostengründen kaum vorstellbar – da sind es bei großen Produktionen vielleicht sechs Personen. Doch nur so konnten wir den Film überhaupt in knapp drei Wochen drehen“, sagt Wahdat. In Europa wäre „Ghost School“ ein Film mit Mikrobudget, für pakistanische Verhältnisse war es eine teure Produktion. Insgesamt arbeiteten am Set rund 200 Leute.


Sonne und Essen
Das Team drehte den Großteil des Films unter freiem Himmel. Für Kamerafrau Wahdat war die pakistanische Sonne dabei eine echte Herausforderung: „Das Licht war viel härter als in nordeuropäischen Ländern. Es war nicht einfach, die Sonne in die Bildsprache einzubauen. Wir mussten dafür sorgen, dass die Schauspieler*innen vor der Kamera nicht im wahrsten Sinne des Wortes von der Sonne verschluckt werden. In der Postproduktion haben wir die Farbwerte noch einmal etwas angepasst“, sagt Wahdat. Doch neben der Sonne hielt der Dreh noch zahlreiche andere Herausforderungen bereit: Große Teams, Sprachbarrieren, lange Anfahrtswege zu den abgelegenen Dörfern mit schlechter Infrastruktur – und natürlich das Essen: „Für Seemab war das Essen kein Problem, das sie aus Karachi kommt. Doch wenn man nicht jeden Tag Reis mit Wasser essen will und lokale Spezialitäten probiert, kommt der europäische Magen irgendwann an seine Grenzen. Und auch ich bin dann eines Tages im Krankenhaus gelandet. Zum Glück wissen sie dort, wie man Touris schnell heilt“, sagt Zamarin Wahdat und lacht.

Für Seemab Gul waren die Herausforderungen anderer Natur: Als sie anfing, in den Dreh zu gehen, gab es kaum Finanzierungspartner: „Ich habe meine Ersparnisse in den Film gesteckt. Wäre etwas schief gelaufen, hätte ich am nächsten Tag direkt eine dicke Rechnung bekommen und mich wahrscheinlich in den Schlaf geweint“, so Gul. Auch werde in einigen auswärtigen Ämtern davon abgeraten, in die Region um Karachi zu reisen. Hier Sicherheit und Gesundheit zu garantieren, bedarf somit besonders intensiver Vorbereitung und Planung.
Kino und Festivals
Seine Weltpremiere hat „Ghost School“ auf dem Toronto International Film Festival gefeiert. In Deutschland war der Film dieses Jahr in der Sektion Generation auf der Berlinale zu sehen – und kam dort besonders beim jungen Publikum gut an: „Ich dachte, wir hätten einen kleinen Arthouse-Film gemacht. Doch auf der Berlinale und später auch bei anderen Festivals haben die Kinder dem Film so viel Liebe gezeigt und viele Fragen gestellt. Wir kamen uns da fast wie kleine Rockstars vor“, sagt Gul. Zum deutschen Kinostart am 3. September werden also bestimmt auch einige Schulklassen den Weg in den Kinosaal finden.


Ein großer Wehmutstropfen: In Guls Heimat Pakistan werden Kinder und Erwachsene erstmal nicht in den Genuss des Films kommen: „Da hat ‚Ghost School‘ es leider nicht an der Sindh Zensurbehörde vorbeigeschafft. Für die Dreharbeiten brauchten wir keine Erlaubnis – bei der Kinoauswertung sieht es jetzt anders aus. Doch ich hab die Hoffnung noch nicht aufgegeben“, sagt Regisseurin Gul. Auch die pakistanische Filmcrew habe den fertigen Film bisher noch nicht gesehen. Doch ein privates Screening sei bereits in Planung. Genauso wie das nächste Filmprojekt zwischen Gul und Wahdat – das sogar schon abgedreht ist: „Haven of Hope“ heißt die neue Zusammenarbeit, bei der es um drei Frauen geht, die in einer Schutzeinrichtung für Frauen in Karachi leben. Ein Film, den wir mit Sicherheit nächstes Jahr auf dem einen oder anderen Festival sehen werden.
weitere Beiträge







