Eine Dystopie in Pastelltönen
23.09.2026 | "HYGGE" @FilmFest Hamburg

Das gemeinsame Spielfilmdebüt der Regisseurinnen Zarah Schrade und Lena Fakler „HYGGE“ ist am 25. September beim FilmFest Hamburg zu sehen. Das Projekt entstand im Rahmen des Nordlichter-Programms mit insgesamt vierundzwanzig Drehtagen in Hamburg und Schleswig-Holstein. Wie der schleswig-holsteinische Ferienort Olpenitz zur perfekten Kulisse wurde, erfahrt ihr hier.
Von Joy Lorenz
Die Regisseurinnen Schrade und Fakler lernten sich in einem Writers Room (in Berlin) kennen und merkten sofort, dass sie sich für ähnliche Themen interessieren – kurze Zeit später arbeiteten sie gemeinsam an den ersten Drehbüchern. Mit „HYGGE“ wagten die beiden nun erstmals den Schritt in die gemeinsame Regie. Gefördert wurde das Projekt durch das Nordlichter Nachwuchsprogramm von der MOIN Filmförderung, dem NDR und nordmedia. Ein echter Gewinn für die beiden war beim Schreiben des Drehbuchs die regelmäßige Rücksprache mit Redakteurin Rike Steyer vom NDR. Lena Fakler hatte bei vorangegangen Projekten schon mit der Hamburger Produktionsfirma klinkerfilm zusammengearbeitet. Die Produzenten Linus Ladiges und Laurian-Luis Schymura waren somit bereits zu Beginn von „HYGGE“ mit an Bord.
Worum geht’s im Film? Die Science-Fiction-Satire „HYGGE“ handelt von einer gleichnamigen Fernsehreality-TV-Show: Rund um die Uhr wird das Leben der Teilnehmenden auf der Nordseeinsel für das Publikum auf dem Festland ausgestrahlt. Während die Welt klimabedingt rundum ins Wanken gerät, wird der idyllische Inselalltag zum Sehnsuchtsort. Auch für Levi und Minu, die hoffen, in einer der Challenges des Formats die Chance auf eine künstliche Befruchtung zu bekommen – die einzige Möglichkeit für sie als queeres Paar, ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Während sich Minu perfekt in die neue Welt einzufügen scheint, tut Levi sich schwer. Da nützt auch das „Feminisierungsmakeover“ nichts, welches die Show-Moderatorin ihr verpasst. Levi stellt die Illusionswelt zunehmend infrage und stößt dabei auf Welt hinter dem Zaun, der die Kameras umgibt.

Ein gutes Team
Auf die Frage, wie sich die Regisseurinnen beim Arbeitsprozess ergänzen, erzählt Hamburg Media School-Alumna Fakler lachend: „Zarah findet im Drehbuch die Nüsse, die noch geknackt werden müssen“. Beim gemeinsamen Schreiben in einer Drehbuchdatei wissen Schrade und Fakler am Ende nicht immer, wer was geschrieben hat: In 80 Prozent ihrer kreativen Vision sind sie sich einig. Aber gerade die verbleibenden 20 Prozent bieten das größte Potential: Unstimmigkeiten fordern beide dazu heraus, die eigene Meinung zu hinterfragen und gemeinsam die Beste Entscheidung für den Film zu treffen. Während der Austausch im Schreibprozess fundiert und langwierig sein kann, zählt bei den Dreharbeiten jeder Tag. Hier wussten die beiden die Arbeit zu zweit besonders zu schätzen: Während Fakler beispielsweise noch mit den Schauspielenden Rückfragen klärte, war Schrade schon mit der Kamerafrau Antonia Pepita Giesler am Set.
Szenenbild
Der titelgebende dänische Begriff Hygge steht sinnbildlich für ein Lebensgefühl von Gemütlichkeit, das Drinnen-Verweilen und ein herzliches Beisammensein. In den letzten Jahren eroberte er aber auch zunehmend die Instagram-Lifestyle-Accounts: gekoppelt mit der sogenannten „Skandi-Ästhetik“, Pastellfarben und weiche Stoffe inklusive. Hygge wurde also zu einem kommerziellen Lifestyle, den es durch Konsum zu erreichen scheint. Der Film hakt durch das höchstkonzeptuelle Szenen- und Kostümbild genau bei dieser ästhetischen Vermarktung ein: Häuser und Kleidung der Showteilnehmenden sind Ton-in-Ton gehalten – gekrönt wird das monochrome Paradies mit farblich passenden HydroFlask-Trinkflaschen. Bei der Drehortsuche stieß das Team im schleswig-holsteinischen Ostseeresort Olpenitz auf Gold. Auf dem ehemaligen Militärgelände lassen sich heute Ferienhäuser in verschiedenen Themenwelten finden. Zarah Schrade schwärmt von dem ungewöhnlichen Drehort: „Der Rasen sah so grün, fast schon künstlich aus. Alles wurde gleichzeitig gebaut. Uns war schnell klar: das ist es!“. Die in Lüneburg wohnhafte Filmschaffende nennt es lachend „eine Dystopie in Pastelltönen“.


Inga Zink sorgt mit ihrem Kostümbild für eine Verkörperung der Instagram-Ästhetik: sanfte Erdtöne und weiche Stoffe strahlen Leichtigkeit aus und sind zugleich bis ins Detail durchdacht. Der zweite Teil des Films spielt außerhalb von Hygges aufmerksam überwachter Community, von den Regisseurinnen auch liebevoll Hardland genannt, und wurde im niedersächsischen Wendland gedreht. Zink schafft hier mit recycelten Materialien einen Kontrast beider Welten.

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Schraders und Faklers Regiedebüt thematisiert die Gefahren der Kommerzialisierung eines Lebensgefühls und fragt sich: Was sind wir bereit aufzugeben, um dazu zu gehören? Das Nordlicht-Projekt lenkt den Blick auf höchst aktuelle politische Themen – den Klimawandel und die Überlegung, welche alternative Lebensrealitäten außerhalb des symbolischen Zauns bestehen. Gleichzeitig thematisiert der Film die Fragen nach dem Recht auf Mutterschaft und Alternativen zur heteronormativen Kernfamilie. Lena Falker sieht ihre Aufgabe als Regisseurin darin, „Bilder zu schaffen, die einem die Angst vor der Ungewissheit nehmen, wenn man etwas Neues anfängt.“
“HYGGE” beim FilmFest Hamburg 2026
Am 25. September um 15:30 Uhr im CinemaxX feiert „Hygge“ beim FilmFest Hamburg-Premiere. Die Nordlicht-Talente freuen sich, den Film nun dem gesamten Team zeigen zu können. Durch die enge Hamburg Verbundenheit beider Regisseurinnen „fühle sich das ein bisschen so an, wie nach Hause kommen“, so Fakler.







